Im Gespräch mit Dekanin Anne Salzbrenner
Seit gut dreieinhalb Jahren bist du nun als Dekanin im Dekanat Rügheim im Dienst. Wie erlebst du die Menschen in den Gemeinden hier?
Sehr herzlich und sehr offen. Man kann gut miteinander ins Gespräch kommen. Und sehr vertrauensvoll. Ich habe von Anfang an eine große Herzlichkeit und eine große Aktivität erlebt, die ich sehr schätze. Gemeinden, die anpacken – das finde ich toll! Die Menschen haben mich sehr offen aufgenommen. Es ist ein richtig gutes Miteinander mit den Kirchenvorstehern. Wir haben hier wirklich tolle Gemeinden.
Du bist die letzte Dekanin des Dekanats Rügheim. Es ist eine Herausforderung, den Menschen zu sagen: Es wird ein neues, viel größeres Dekanat geben. Es wird Regionalgemeinden mit mindestens 8.500 Gemeindegliedern geben. Große Veränderungen halten Chancen bereit, bergen aber auch Risiken.
Ich sehe in der Veränderung die Chance schlechthin. Unsere Welt und die Gemeinden verändern sich ohnehin – wir gestalten diesen Prozess jetzt aktiv mit. Dabei werden wir sicher Fehler machen oder auf Probleme stoßen, die wir heute noch nicht absehen. Aber das ist kein Scheitern, sondern die einzige Möglichkeit, an der Zukunft der Kirche zu arbeiten. Wir müssen nicht bei Null anfangen: In Bayern gibt es bereits erfolgreich fusionierte Dekanate wie Sulzbach-Rosenberg, Cham und Weiden. Ich bin mit den Kollegen dort im engen Austausch, um aus ihren Erfahrungen zu lernen – damit wir Gutes übernehmen und Fehler nicht wiederholen.
Was mir wichtig ist: Im unterfränkischen Bereich werden die Gemeinden immer mit einbezogen – ins Gespräch, ins Mitdenken. Es ist nicht so, dass die Dekane vordenken und den Gemeinden dann nur sagen, wie es schön ist. Sondern meinen Dekanskollegen und mir ist wichtig, auf die Gemeinden zuzugehen und ihnen zuzuhören. Das halte ich für essenziell.
Aber es wird dennoch ein harter Weg. Veränderungen sind immer auch schmerzhaft. Ich hatte mir meine letzten Dienstjahre freundlicher vorgestellt. Doch es braucht auch Schmerz, um Neues zu schaffen. Krisen sind notwendig, damit etwas Gutes daraus wächst. Somit bin ich letztlich voller Hoffnung.
Dass Regionalgemeinden mit – deutlich – mehr als 8.500 Gemeindegliedern gegründet werden sollen, ist ein Schritt, der aus der Not heraus geboren ist. Es fehlt bald an Hauptamtlichen. Du sagtest mir mal, dass du schon vor 35 Jahren in Regionalgemeinden Fantasie gesehen hast.
Regionalgemeinden halte ich für gut, weil sie Möglichkeiten zur Teamarbeit geben. Ich habe durch die Jahrzehnte erlebt, dass Pfarrerinnen und Pfarrer nicht alles gleich gut können. Es wäre ja auch komisch, wenn es so wäre. Es ist wichtig, dass die Hauptamtlichen – Pfarrer, Diakone, Religionspädagogen, Bibelschüler – nach ihren Begabungen arbeiten können. Und diese Begabungen sind meines Erachtens durch Regionalgemeinden um vieles besser einzubringen. Zum Beispiel: In einem bestimmten Bereich macht jemand Konfirmandenarbeit, dem das liegt, und nicht jemand, der es machen „muss“. Da braucht es jemanden, der innovativ ist und mit den Jugendlichen etwas anfangen will.
Ich wünsche mir, dass alle Hauptamtlichen einen Raum für geistliche, seelsorgerliche und spirituelle Arbeit bekommen und dass die Menschen vor Ort das auch spüren können. Ich will dafür arbeiten, dass diese Möglichkeit gegeben ist, weil ich glaube, dass Gemeinde dann wächst. Denn die Menschen wollen wahrgenommen werden in ihrer Existenz und im Zuspruch Gottes. Ich möchte, dass wir dafür wieder Zeit haben.
Das hast du damals auch nicht für dich behalten. Wurde das nicht gehört?
Doch, das wurde gehört, aber man wurde für verrückt erklärt. Wenn man vom Teampfarramt gesprochen hat – davon, dass Hauptamtliche mit Menschen, die eine Verwaltungsfachausbildung haben, miteinander ein Team bilden, wurde man beschimpft, weil Pfarrer alles zu machen hatten. Ich habe es selbst erlebt, wie schwierig es ist, alles allein zu machen, weil wir nicht alles gleich gut können. Und dummerweise hält man sich am meisten mit dem auf, was man nicht so gut kann.
Jetzt könnte man – Stichwort: Regionalgemeinden – einwenden, dass Gemeindeglieder denken: „Bisher wusste ich: Das ist mein Pfarrer oder meine Pfarrerin – das ist meine Ansprechperson. Und jetzt sind viele Hauptamtliche zuständig, aber am Ende keiner mehr?“
Doch! Gerade jetzt, wo nicht mehr alle Stellen besetzt werden können. Ohne Veränderung hätten wir bald eine Zwei-Klassen-Kirche: Wenige Gemeinden mit festem Pfarrer und viele vakante Orte, die mit wechselnden Notlösungen leben müssen. In der Regionalgemeinde hingegen gibt es feste Gesichter. Die Pfarrer sind bekannt, weil das ganze Team in der Region präsent ist und Gottesdienste hält. Ich stelle mir das so vor: Es gibt feste Zuständigkeiten für die Bezirke, aber das Team trägt die gesamte Regionalgemeinde gemeinsam.
Mitglieder kleinerer Gemeinden könnten sich fragen, ob sie in den großen Regionalgemeinden noch gesehen werden.
Da müssen sie keine Bedenken haben, weil sie als Kirchengemeinde weiterhin im Blick behalten werden. Als Ort bleiben sie in der Regionalgemeinde erhalten. Die Regionalgemeinde ist in erster Linie eine Verwaltungsstruktur. Das heißt: Die Verwaltung wird in diesem Bereich zentralisiert. Und die Hauptamtlichen werden sich die Gemeinden, die zur Regionalgemeinde gehören, aufteilen. Aus den jetzigen Kirchenvorständen der Kirchengemeinden werden Ortsvorstände, die nicht immer von einem Pfarrer geleitet werden müssen. Aber sie werden in den Blick genommen – und ich glaube, sie werden besser in den Blick genommen als in Vakanzen. Kleine Gemeinden bekommen mehr Hauptamtliche, die für sie zuständig sind, als vorher.
Machen wir mit noch einer Befürchtung weiter: Man hört und liest, dass die Kirche nicht mehr genug Geld hat, so dass nicht mehr alle kirchlichen Gebäude in gleicher Weise aus landeskirchlichen Mitteln erhalten werden können. Werden uns womöglich Gebäude genommen, die uns lieb und wichtig sind?
Ich denke, dass die Immobilienfrage vor Ort mitentschieden wird. Wir beschließen nicht einfach, dass Kirchen geschlossen werden. Sondern wir schätzen gemeinsam ein, ob die Kirche oder das Gemeindehaus von der Gemeinde getragen werden kann. Wir haben sehr viele Immobilien, darunter auch marode Objekte. Bei manchen Gebäuden frage ich mich, warum man sie nicht schon längst verkauft hat, weil sie kaum noch genutzt werden. Bei Kirchen kann man eine Sanierung manchmal besser über die Kommune oder die Denkmalpflege realisieren als über die Landeskirche.
Ich denke: Gemeinden werden sich von Immobilien verabschieden müssen. Aber das wird nicht von oben verordnet. Vielmehr stellt sich die Frage: Wird die Kirche zur Belastung? Die Kirchen, die derzeit entwidmet werden, sind leere Kirchen, in denen zum Großteil schon seit Ewigkeiten kein Gottesdienst mehr stattgefunden hat. Mir blutet da trotzdem jedes Mal das Herz – und ich weiß, wovon ich rede: Die Kirche, in der ich konfirmiert worden bin, existiert nicht mehr. Sie ist abgerissen
worden, weil sie schadstoffbelastet war. Es war schrecklich, das zu hören. Ich fühle jedes Mal mit, wenn eine Kirche entwidmet wird.
Aber die Immobilienfrage bedeutet nicht zwangsläufig Verkauf oder Schließung. Es geht um Ehrlichkeit: Wer nutzt welches Gebäude?
Ich will es nicht schönreden: Dieses Thema wird Schmerzen verursachen, weil es Veränderung bedeutet. Ich denke, wir brauchen Fantasie: Was wollen wir in der Kirche tun? Da können wir auch die Jüngeren fragen.
Du hast etliche Besprechungen, die sicher auch viel Kraft kosten. Etwas privater gefragt: Was sind für dich Kraftquellen?
Für mich ist der Kirchenraum schon immer ein wichtiger Ort gewesen. Ich gehe gern in die Kirche, ziehe die Türen hinter mir zu, setze mich in eine Bank und spreche mit meinem Herrgott – ein bisschen wie Don Camillo. Und das gelingt mir besonders in der Kirche, für die ich zuständig bin – im vertrauten Raum, den ich liebe.
Eine andere Kraftquelle ist mein Morgengebet. Das Taufversprechen „Ich bin bei euch alle Tage“ wurde mir über die Jahre immer wichtiger. Und der Segen, der mir bei der Amtseinführung zugesprochen wurde. Da sage ich: „Gott, du wolltest es so, dass ich hier bin. Und jetzt bist du mit mir im Bunde. Bitte hilf mir und unterstütze mich, damit ich den Tag gut überstehe.“
Holger Manke
